Offener Brief · 01.10.2026
Warum schwätze mir nimmi met usere Kinner?
Liebe Frau Ministerin,
liebe saarländische Medien,
liebes Saarland,
ich bin Manni Manta, Partysänger aus dem Saarland, und besorgt. Besorgt, dass wir dabei sind, unseren Dialekt zu verlieren.
Nicht, weil wir Erwachsenen aufgehört hätten, saarländisch zu schwätze. Aber viele sprechen es nicht mehr mit den eigenen Kindern!
Ich erlebe es ständig: Zwei Eltern unterhalten sich in tiefstem Saarländisch. Das Kind kommt dazu – und plötzlich wird mit ihm Hochdeutsch gesprochen. Das Kind geht wieder – und die Eltern wechseln zurück ins Saarländische.
Warum?
Ich lebe in einem kleinen Kaff. Hier ist das längst keine Ausnahme. Viele Eltern sprechen untereinander Mundart. Die Erzieherinnen aus dem Kindergarten ebenfalls. Mit den Kindern jedoch wird fast ausschließlich Hochdeutsch gesprochen. Und viele dieser Kinder sprechen kein Saarländisch mehr!
Auch unsere Tochter spricht ausschließlich Hochdeutsch – obwohl meine Frau und ich konsequent Saarländisch mit ihr sprechen. Sie versteht jedes Wort, antwortet aber nur auf Hochdeutsch.
Wenn selbst ein Kind, dessen Eltern zuhause ausschließlich Saarländisch mit ihm sprechen, die Mundart nicht übernimmt – was passiert dann erst dort, wo die Eltern selbst gegenüber ihren Kindern ins Hochdeutsche wechseln? Diese Frage beschäftigt mich.
Ich bin echter Saarländer, bin als Musiker in ganz Deutschland unterwegs und erreiche über Social Media viele Millionen Menschen. Dort spreche ich meistens Hochdeutsch. Wenn mir Menschen aus ganz Deutschland zuhören, möchte ich verstanden werden.
Ich habe also überhaupt nichts gegen Hochdeutsch! Was ich nicht verstehe, ist die Vorstellung, Hochdeutsch sei auch dort automatisch angemessener, wo zwei Menschen dieselbe Mundart sprechen.
Wenn ich hier im Saarland in einer Arztpraxis anrufe und eine Mitarbeiterin, die selbst aus einem saarländischen Dorf kommt, mit mir plötzlich in einem für sie hörbar ungewohnten Hochdeutsch spricht: Warum eigentlich? Seit wann muss ein Saarländer aufhören, saarländischer zu klingen, um professionell zu sein?
Und noch viel wichtiger:
Warum glauben so viele Menschen, mit ihren eigenen Kindern Hochdeutsch sprechen zu müssen?
Ich habe Sprachwissenschaft studiert. Natürlich weiß ich, dass Sprache sich verändert. Aber das hier ist für mich nicht nur Sprachwandel. Vielleicht steckt dahinter noch immer die Vorstellung, dass ein Kind, das besten Dialekt spricht, später kein vernünftiges Hochdeutsch lernen kann. Meine eigene Geschichte lässt mich daran zweifeln. Man kann Aussprache trainieren. Man kann Standardsprache lernen. Man kann lernen, je nach Situation anders zu sprechen. Das ist für mich sprachliche Kompetenz. Mit der Oma so, im Referat in der Schule so.
Aber eine Mundart, die einem Kind nie weitergegeben wurde, kann man ihm zwanzig Jahre später nicht einfach als selbstverständliche Sprache seiner Kindheit zurückgeben.
Und damit komme ich zu unseren Kitas.
Im Bildungsprogramm für saarländische Krippen und Kindergärten steht etwas Interessantes:
Kinder, die im Alltag von Dialekt oder Mundart umgeben sind, sollen durch die pädagogischen Fachkräfte „regelmäßig Hochdeutsch“ kennenlernen. Nicht ausschließlich. Das Bildungsprogramm erwähnt sogar ausdrücklich den Fall, dass Kinder untereinander oder mit pädagogischen Fachkräften „vorwiegend mundartlich sprechen“. Offenbar verlangt also niemand von unseren Erzieherinnen und Erziehern, ihre Mundart an der Kita-Tür abzugeben. Warum passiert es dennoch so häufig?
Ich möchte damit ausdrücklich niemandem einen Vorwurf machen!
Denn das Phänomen geht weit über die Kita hinaus – Eltern, Großeltern, im beruflichen Alltag etc.
Es scheint sich eine Vorstellung festgesetzt zu haben: Mit Kindern redet man Hochdeutsch. Dabei sind aber unsere größten Dichter und Denker mit Mundart aufgewachsen – Goethe etwa mit der Frankfurter Mundart. Dialekt und Bildung sind keine Gegensätze.
Das Saarland setzt zu Recht auf Mehrsprachigkeit. Französisch soll mehr gefördert werden. Ah oui, eijo! Mehrsprachigkeit ist eine Bereicherung. Warum behandeln wir unsere eigene Mundart nicht genauso?
Eine Mundart verschwindet nicht an einem Tag, es passiert leise. Wenn ich mich heute in den Dörfern, im ganzen Saarland umschaue/umhöre, frage ich mich, wo wir in dieser Entwicklung stehen.
Ich möchte eine öffentliche Diskussion in Gang setzen:
- Welchen Stellenwert soll unsere Mundart in Kitas + Schulen haben?
- Warum reden so viele Eltern mit ihren Kindern Hochdeutsch?
- Welche Botschaft vermitteln wir Kindern, wenn wir unter Erwachsenen Dialekt sprechen – um beim Gespräch mit ihnen ins Hochdeutsche zu wechseln?
Darüber möchte ich gerne reden, weil es mir echt wichtig ist.
Für unsere Kinder, unser Saarland und unsere Kultur.
Lassen Sie uns gemeinsam in einer Diskussionsrunde evaluieren, was die Menschen wollen, was ihre Intentionen sind, wie wir unsere Sprache pflegen und weitergeben wollen. Ich habe nicht auf alles Antworten. Aber ich denke, dass wir jetzt die Fragen stellen sollten. Solange Saarländisch noch die lebendige Sprache unserer Dörfer ist – und nicht nur noch auf T-Shirts gedruckt wird.
Als ich vor paar Jahren einen Plattenvertrag bekam und alles größer wurde, sagte ich: Ok, jetzt ist es vorbei mit den saarländischen Liedern. Die Einstellung habe ich schnell wieder geändert. Das nächste Lied über das Saarland, auf Saarländisch, befindet sich in Produktion. Und kein Spaß: Ich bekomme regelmäßig Nachrichten von Menschen, z. B. aus dem hohen Norden, die mir schreiben: „Wir lieben deine Saarland-Lieder“. Darüber bin ich dann doppelt froh.
Lasst uns unsere Sprache an unsere Kinder weitergeben. Wenn wir es nicht tun, wer soll es machen?
Herzlichst
Manni Manta
hallo@mannimanta.de
0151-65775585
